top of page

Spieglein, Spieglein – Wer fürchtet sich vor Bloody Mary?

  • Autorenbild: Marie Laveau
    Marie Laveau
  • 9. Feb. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Mai

Es gibt Dinge, die man nie vergisst. Ich war zwölf, das Badezimmer nur vom schwachen Schein einer Kerze erleuchtet. Meine Freundin forderte uns auf, in den Spiegel zu sehen und dreimal „Bloody Mary“ zu sagen. Wir kicherten – anfangs. Doch als der Schatten meines Gesichts begann, sich zu verändern, wich das Kichern einem stummen, kollektiven Grauen. Niemand sprach mehr. Der Raum fühlte sich plötzlich kälter an, fremder. Etwas war geschehen – auch wenn wir es nicht beweisen konnten.


Diese Erinnerung ist kein Einzelfall. Rund um den Globus berichten Menschen über unheimliche Erfahrungen mit Bloody Mary. Was ist dran an dieser modernen Legende? Was lässt uns glauben, dass ein Spiegel mehr zeigt als nur unser Gesicht?


Bloody Mary, furchterregende hässliche Frau mit schwarzen langen Haaren und bösen Augen in einem Spiegel, schrei, leuchtende augen, barokker Spiegel, sepia

Die Ursprünge: Zwischen Geschichte und Mythos


Die Figur „Bloody Mary“ ist tief in westlicher Folklore verwurzelt, aber ihre Ursprünge sind schwer zu fassen. Historisch wird der Name oft mit Mary I. von England (1516–1558) in Verbindung gebracht. Sie war die erste offiziell gekrönte Königin Englands und Tochter von Heinrich VIII. und Katharina von Aragon. Ihre Regierungszeit war von religiöser Gewalt geprägt – über 280 Protestanten ließ sie hinrichten, was ihr den Beinamen „Bloody Mary“ einbrachte.


Doch das Ritual, wie wir es heute kennen, scheint nicht direkt mit ihr verbunden zu sein. Vielmehr vermischen sich hier verschiedenste kulturelle Ängste und archetypische Bilder: die Frau im Spiegel, der Ruf aus dem Jenseits, das Grauen der eigenen Reflexion. Erste dokumentierte Hinweise auf das Spiel stammen aus dem 19. Jahrhundert. Junge Mädchen glaubten damals, bei Kerzenlicht im Spiegel das Gesicht ihres zukünftigen Ehemanns zu sehen – oder, im schlimmsten Fall, den Tod.


Weitere mögliche historische Figuren:


  • Elizabeth Báthory: Eine ungarische Gräfin, die angeblich im Blut junger Frauen badete, um ihre Jugend zu bewahren. Diese Geschichten könnten ebenfalls Einfluss auf die Legende gehabt haben.

  • Mary Worth: Eine Frau, die im 17. Jahrhundert in Massachusetts gelebt haben soll und der Hexerei beschuldigt wurde. Sie wurde angeblich gehängt oder verbrannt.


Das Ritual: Ablauf und Varianten


Das Bloody-Mary-Ritual ist in seiner Grundform einfach, aber wirkungsvoll. Es läuft meist folgendermaßen ab:


  1. Ort: Ein abgedunkeltes Badezimmer mit einem Spiegel.

  2. Beleuchtung: Eine Kerze, selten zwei. Kein elektrisches Licht.

  3. Zeitpunkt: Nach Mitternacht, oft zur sogenannten Teufelsstunde (zwischen 2:00 und 3:00 Uhr).

  4. Ablauf: Man schaut in den Spiegel und sagt den Namen „Bloody Mary“ – drei- bis dreizehnmal.

  5. Erwartung: Die Erscheinung von Bloody Mary – oft beschrieben als blutverschmierte Frau, manchmal mit leeren Augenhöhlen, in anderen Versionen sogar als Rachegeist.


Varianten des Rituals


  • Manche sagen zusätzlich: “I believe in Bloody Mary” oder “Come to me, Bloody Mary”.

  • Einige empfehlen, sich dabei im Kreis zu drehen.

  • Andere berichten, dass es funktioniert, wenn man gleichzeitig Wasser laufen lässt.

  • Eine verbreitete Regel: Niemals direkt nach dem Ritual in den Spiegel sehen, sonst bleibt „etwas“ zurück.


Augenzeugenberichte: Wenn der Spiegel mehr zeigt


Es gibt tausende Berichte von Menschen, die das Ritual ausprobiert haben. Auch wenn viele skeptisch bleiben, lassen sich gewisse Muster erkennen:


1. Veränderte Spiegelbilder


  • Das eigene Gesicht wirkt verzerrt, alt, fremd.

  • Die Augen erscheinen schwarz oder leer.

  • Ein zweites Gesicht taucht hinter dem eigenen auf.


„Ich habe mich selbst gesehen, aber mein Spiegelbild hat mich nicht nachgeahmt. Es hat gelächelt – ich aber nicht.“


2. Erscheinungen im Raum


  • Schatten hinter der Person.

  • Blasse Frauenfiguren, manchmal blutverschmiert.

  • Geräusche aus dem Spiegel: Flüstern, Weinen, Schreie.


3. Körperliche Reaktionen


  • Gänsehaut, Atemnot, Zittern.

  • Übelkeit, Schwindel, Herzrasen.

  • Ohnmachtsanfälle – insbesondere bei besonders empfänglichen Personen.


Psychologische und neurologische Erklärungen


Was kann all das erklären? Die Wissenschaft hat tatsächlich eine Reihe von Antworten.


Die „Strange-Face-Illusion“


Der italienische Psychologe Giovanni Caputo führte 2010 ein Experiment durch: Menschen mussten zehn Minuten lang in einen Spiegel schauen, bei schwacher Beleuchtung. Die Ergebnisse waren verblüffend:

  • 66 % sahen entstellte Gesichter,

  • 28 % glaubten, eine andere Person zu sehen,

  • Einige sahen Dämonen oder Tiere.


Dieser Effekt entsteht durch:


  • Neuronale Ermüdung: Das Gehirn filtert wiederholte Reize aus – unser Gesicht wird „überschrieben“.

  • Pareidolie: Das menschliche Gehirn erkennt Gesichter und Muster – auch, wenn keine da sind.

  • Dissoziation: Lange Konzentration auf das eigene Spiegelbild kann ein Gefühl der Entfremdung hervorrufen.


Erwartung und Autosuggestion


Wer fest daran glaubt, dass etwas Unheimliches geschieht, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich etwas spüren oder sehen. Dieses Phänomen nennt man Autosuggestion – die selbsterfüllende Prophezeiung der Psyche.


Spiegel als kulturelles Tor zum Jenseits


Der Spiegel spielt in vielen Kulturen eine besondere Rolle – als Tor zur Seele oder Fenster zur Geisterwelt. Schon im alten Griechenland glaubte man, dass Spiegel den wahren Kern des Menschen zeigen. Im Viktorianischen England wurden Spiegel im Haus verhängt, wenn jemand starb – damit die Seele sich nicht darin verirrt.


In Ritualen wie Bloody Mary fließt all diese Symbolik zusammen: Der Spiegel als Schwelle, die Kerze als Rituallicht, die Wiederholung des Namens als Beschwörung.


Warum gruseln wir uns so gern?


Gruselgeschichten wie Bloody Mary sprechen unsere tiefsten evolutionären Ängste an:


  • Die Angst vor dem Unbekannten,

  • die Angst vor Kontrollverlust,

  • die Angst, sich selbst nicht mehr zu erkennen.


Dabei erfüllt das Gruseln auch eine Funktion: Es lässt uns in einer sicheren Umgebung mit diesen Ängsten spielen – wie ein mentales Training für den Ernstfall. Besonders an Halloween, wenn die Grenzen zwischen den Welten dünner erscheinen, suchen wir bewusst nach diesem „sicheren Schrecken“.


Der Spiegel ist ein ehrlicher Lügner


Bloody Mary ist mehr als nur ein Kinderspiel. Es ist ein kulturelles Ritual, ein psychologisches Experiment und ein modernes Märchen zugleich. Es verbindet reale Geschichte, kollektive Ängste und tiefsitzende Symbolik.


Wenn du dich also in der Halloween-Nacht vor den Spiegel stellst, nur mit Kerzenlicht bewaffnet, und den Namen rufst – tu es mit Respekt. Vielleicht geschieht nichts. Vielleicht spielt dir dein Gehirn einen Streich.


Oder vielleicht… sieht dich etwas zurück.


Quellen:



Lust auf mehr? Lese hier wie das Internetphänomen Slender Man ein zwölfjähriges Mädchen tötete.

 
 
 

Kommentare


bottom of page