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Zwischen Krieg und Kreativität: Die erstaunliche Entstehungsgeschichte von Fanta

  • Autorenbild: Marie Laveau
    Marie Laveau
  • 30. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Es ist eine stille Ironie der Geschichte, dass eines der weltweit beliebtesten Erfrischungsgetränke seine Wurzeln nicht in einem sonnigen Orangenhain oder in der Werbeabteilung eines amerikanischen Softdrinkgiganten hat, sondern in der dunklen Kulisse des Zweiten Weltkriegs, inmitten von Materialknappheit, politischer Isolation und ideologischen Zwängen. Fanta ist ein Kind der Not, ein Produkt menschlicher Kreativität unter Druck. Was heute fruchtig, spritzig und global erscheint, war einst ein Überlebensprodukt im nationalsozialistischen Deutschland.


6 Fantaflaschen in einer orangenen Getränkebox
Foto von Renato Trentin auf Unsplash

Coca-Cola im Dritten Reich


In den 1920er Jahren expandierte Coca-Cola rasant. 1929 wurde Coca-Cola GmbH in Deutschland gegründet. Das Unternehmen florierte, und bereits Anfang der 1940er Jahre war Deutschland der zweitgrößte Absatzmarkt weltweit, nach den USA.


Doch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und insbesondere nach dem Eintritt der USA in den Krieg 1941 wurde der Handel zwischen den Nationen eingestellt. Die deutsche Coca-Cola-Tochter war faktisch von ihrem Mutterkonzern abgeschnitten. Sirup-Konzentrat, der Hauptbestandteil von Coca-Cola, war nicht mehr erhältlich. Es drohte das wirtschaftliche Aus.


Max Keith: Der Mann hinter der Idee


An dieser Stelle tritt Max Keith (1903–1991) in den Vordergrund, der damalige Leiter der Coca-Cola GmbH in Deutschland. Keith war ein Mann mit ausgeprägtem Unternehmergeist. Um die Produktion aufrechtzuerhalten und Arbeitsplätze zu sichern, entschloss er sich, ein neues Getränk zu entwickeln – aus dem, was in Deutschland noch verfügbar war.


Die Zutaten waren bescheiden: Molke (ein Abfallprodukt der Käseherstellung), Zucker und Apfelfasern, die beim Mosten übrig blieben. Manchmal wurden auch Rüben oder andere Fruchtreste verwendet. Das Resultat war ein trübes, hellbraunes Getränk – geschmacklich weit entfernt von der heutigen Fanta.


Keith initiierte einen Wettbewerb unter seinen Mitarbeitern zur Namensfindung. Der Legende nach rief ein Mitarbeiter: "Lasst eure Fantasie spielen!" – auf Deutsch: "Fantasie". Aus diesem Impuls entstand der Name "Fanta".


Fanta im Nationalsozialismus


Fanta war kein geheimdienstlich geplantes Nazi-Getränk, wie manche Verschwörungstheorien behaupten, sondern ein pragmatischer Akt der Selbstrettung. Dennoch muss man kontextualisieren: Die Coca-Cola GmbH in Deutschland war Teil eines autoritären Regimes. Keith selbst bemühte sich zwar, nicht direkt mit den Nationalsozialisten zu kollaborieren, arbeitete aber im Rahmen der damaligen politischen Realitäten.


Die Produktion von Fanta sicherte nicht nur den Erhalt des Unternehmens, sondern machte es auch zu einem der wenigen verbliebenen Softdrink-Anbieter im Deutschen Reich. Fanta wurde bald zum Ersatz für andere, knapp gewordene Süßwaren. Viele Bäckereien nutzten Fanta-Flüssigkeit, um Kuchen und Gebäck zu süßen.


Die Nachkriegszeit und der internationale Durchbruch


Nach dem Krieg kehrte Coca-Cola in das vom Krieg zerstörte Deutschland zurück und gliederte die einst isolierte Tochterfirma wieder ein. Fanta verschwand zunächst von der Bildfläche, da Coca-Cola seine Kernmarke wieder etablieren wollte.


Doch in den 1950er Jahren erkannte man das internationale Potential der Marke Fanta neu. 1955 wurde in Neapel, Italien, eine neue Rezeptur entwickelt: mit Orangenextrakt, Zitrone, Kohlensäure und Zucker. Diese Version kam dem heutigen Geschmack näher und wurde schließlich global ausgerollt.


Heute ist Fanta in mehr als 190 Ländern erhältlich und umfasst über 90 verschiedene Geschmacksrichtungen weltweit – von Traube über Mango bis hin zu exotischen Mischungen wie "Shokata" (Holunder-Zitrone).


Wissenschaftlicher Blick: Wie sich Rezepturen entwickeln


Die moderne Lebensmitteltechnologie hat Fanta zu einem hochentwickelten Produkt gemacht. Jede Region hat ihre eigenen Geschmacksprofile, die auf wissenschaftlichen Studien zur sensorischen Wahrnehmung basieren. In Japan etwa ist Fanta weniger süß, in Nigeria deutlich intensiver gefärbt.


Die Zusammensetzung umfasst meist Wasser, Zucker (oder Maissirup), Fruchtsäure (z. B. Zitronensäure), Aromaextrakte, Konservierungsstoffe (wie Kaliumsorbat) und Farbstoffe (z. B. Beta-Carotin). In der EU müssen alle Inhaltsstoffe streng deklariert werden.


Zunehmend werden auch zuckerreduzierte oder gänzlich zuckerfreie Varianten entwickelt, unter anderem mit Sucralose, Aspartam oder Stevia.


Kultureller Stellenwert: Von der Notlösung zum Kultgetränk


Fanta hat sich über die Jahrzehnte von einem Notprodukt zu einer Lifestyle-Marke gewandelt. In vielen Kulturen ist sie mehr als ein Erfrischungsgetränk – sie symbolisiert Jugendlichkeit, Sommer, Frische. Ihre bunten Werbekampagnen sprechen gezielt junge Konsument:innen an.


Gleichzeitig hat Fanta in einigen Regionen fast mythischen Status erreicht. In Nigeria etwa ist "Fanta Orange" ein fester Bestandteil von Festen und religiösen Zeremonien. In der Popkultur taucht das Getränk immer wieder auf – sei es in Musikvideos, Comics oder Internet-Memes.


Kritik und Nachhaltigkeit


Wie viele Softdrinks steht auch Fanta in der Kritik: hoher Zuckergehalt, Verwendung von Farbstoffen, Umweltbelastung durch Plastikflaschen. Coca-Cola hat in den letzten Jahren vermehrt auf Nachhaltigkeit gesetzt: recycelbare Verpackungen, Wassersparprogramme und Transparenz bei den Inhaltsstoffen.


Doch der Weg zu einem nachhaltigen Konsumverhalten bleibt ein globales Problem. Initiativen wie "World Without Waste" oder Partnerschaften mit NGOs sollen helfen, die Umweltbilanz der Marke zu verbessern.


Fanta als Spiegel der Geschichte


Fanta ist mehr als ein kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk. Es ist ein Produkt, das zeigt, wie Kreativität und Anpassungsfähigkeit selbst unter den widrigsten Umständen möglich sind. Es spiegelt politische Umbrüche, wirtschaftliche Not, kulturelle Vielfalt und globale Integration wider.


Was einst aus Molke und Apfelresten in einer kriegsgeschädigten Nation entstand, ist heute Teil eines globalen Portfolios, das von Millionen Menschen konsumiert wird. Ein Getränk, geboren aus Mangel – und zum Symbol für bunte Lebensfreude geworden.


Eine Illustration von einer Maus die auf Büchern sitzt

Quellen und Literatur

  1. Pendergrast, Mark (2013). For God, Country and Coca-Cola: The Unauthorized History of the Great American Soft Drink. Basic Books.

  2. The Coca-Cola Company (2021). Fanta Brand History. www.coca-colacompany.com

  3. Smithsonian Magazine (2015). The Surprisingly Morbid Origins of Fanta. smithsonianmag.com

  4. Der Spiegel Archiv (2003). Brause aus der Not. www.spiegel.de

  5. Lebensmittelverband Deutschland (2020). Inhaltsstoffe von Erfrischungsgetränken und Verbrauchertrends.

 
 
 

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