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Aktualisiert: 23. Mai
Es gibt kaum einen Ort auf unserem Planeten, der geheimnisvoller, dunkler und gleichzeitig so wenig erforscht ist wie die Tiefsee. Sie ist nicht bloß ein Lebensraum, sondern eine Welt für sich – voller Extreme, bizarrer Lebensformen und evolutiver Grenzgänge. Als ich von meterlangen Würmern las, die in fast völliger Dunkelheit und unter enormem Druck leben, stellte sich ein Gefühl ein, das zwischen Staunen und Beklommenheit schwankte. Es erinnerte mich an die Geschichten von Jules Verne oder Lovecraft – nur, dass diese Kreaturen real sind.

Die Tiefsee beginnt dort, wo das Sonnenlicht nicht mehr vordringt: in etwa 200 Metern Tiefe. Doch die wirklich extremen Lebensräume liegen weit darunter, in der abyssalen (3000 bis 6000 m) und hadalen Zone (ab 6000 m Tiefe). Hier herrscht ewige Dunkelheit, Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und ein Druck von bis zu 1100 bar – Bedingungen, unter denen man kaum Leben erwartet. Und doch gedeiht es hier, oft in Formen, die dem menschlichen Vorstellungsvermögen spotten.
Die wohl berühmtesten dieser bizarren Kreaturen sind die sogenannten Riftia pachyptila – riesige Röhrenwürmer, die bis zu 2,5 Meter lang werden können. Sie wurden 1977 in der Nähe der Galapagos-Inseln entdeckt, in der Umgebung hydrothermaler Quellen am Ostpazifischen Rücken. Diese "Schwarzen Raucher" geben bis zu 400 °C heiße, mineralreiche Flüsse ab und bilden bizarre Oasen des Lebens.
Was die Röhrenwürmer so besonders macht, ist nicht nur ihre Größe, sondern ihr vollkommen anderer Stoffwechsel. Sie besitzen weder Maul noch Verdauungstrakt. Stattdessen beherbergen sie in einem Organ namens Trophosom Milliarden von symbiotischen Bakterien, die Schwefelwasserstoff aus dem hydrothermalen Wasser in Energie umwandeln. Dieser Prozess heißt Chemosynthese und bildet die Grundlage für ganze Ökosysteme fernab des Sonnenlichts.
Der Körper der Riftia pachyptila ist von einer chitinösen Röhre umgeben, die wie ein Schutzpanzer wirkt. Der auffällige rote Kopf, ein sogenannter Plume, dient dem Gasaustausch und ist stark vaskularisiert, um Sauerstoff und Schwefelwasserstoff aufzunehmen. Das rote Pigment stammt von Hämoglobin, das in der Lage ist, beides zu binden – eine einzigartige Anpassung an die extremen Lebensbedingungen.
Andere riesige Wurmarten wurden seither entdeckt, darunter der Osedax – auch als "Knochenfresser" bekannt – der sich von Walkadavern ernährt. Diese Würmer leben ebenfalls in der Tiefsee und verfügen über bakterielle Symbionten, die ihnen helfen, Kollagen und andere Bestandteile von Knochen zu verdauen.
Die Entdeckung dieser Würmer hat unser Verständnis des Lebens revolutioniert. Lange Zeit galt Photosynthese als Voraussetzung für komplexes ökologisches Leben. Die Tiefseeorganismen, insbesondere Riftia, zeigen jedoch, dass auch Chemosynthese stabile, komplexe Ökosysteme hervorbringen kann. Das hat auch Implikationen für die Astrobiologie: Wenn Leben ohne Licht auf der Erde möglich ist, warum nicht auch unter dem Eispanzer des Jupitermondes Europa oder in den Methanseen des Titan?
Schon immer haben Meeresungeheuer die Fantasie der Menschen beflügelt. Vom biblischen Leviathan bis zum Kraken in skandinavischen Sagen – die Vorstellung von riesigen, wurmartigen Kreaturen aus den Tiefen des Meeres hat einen festen Platz in der Kulturgeschichte. Dass nun reale Wesen gefunden wurden, die diesen Monstern in ihrer Fremdartigkeit in nichts nachstehen, ist eine faszinierende Ironie der Wissenschaft.
Die Tiefsee bleibt eine der größten wissenschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Nur etwa 5% des Ozeanbodens sind umfassend kartiert. Die extreme Tiefe erfordert spezialisierte Tauchroboter wie die Alvin oder das deutsche ROV Kiel 6000, die Temperaturen, Druck und Dunkelheit standhalten können.
Dazu kommt eine ethische Frage: Wie gehen wir mit einem Lebensraum um, den wir kaum verstehen? Tiefseebergbau, Mikroplastik und Klimawandel bedrohen diese fragilen Ökosysteme massiv, bevor wir sie überhaupt erforscht haben.
Tiefseewürmer wie Riftia sind nur die Spitze des Eisbergs. Forscher vermuten, dass Millionen unentdeckter Arten in den Ozeanen leben. Jedes Jahr werden neue entdeckt – viele davon mit Eigenschaften, die unser Verständnis von Biologie, Chemie und sogar Physik infrage stellen.
Könnten diese Organismen helfen, neue Medikamente zu entwickeln? Könnten ihre symbiotischen Bakterien biotechnologisch genutzt werden? Oder bieten sie schlicht einen Spiegel unserer eigenen Begrenztheit, unserer Unwissenheit angesichts der Wunder der Natur?
Die riesigen Würmer der Tiefsee sind mehr als biologische Kuriositäten. Sie sind lebendige Beweise für die Resilienz des Lebens, für seine Vielfalt und seine Fähigkeit, sich an die extremsten Bedingungen anzupassen. Sie fordern uns heraus, unsere Definitionen von Leben zu überdenken und erinnern uns daran, dass wir von der Natur noch lange nicht alles verstanden haben.

Juniper, S. K., & Tunnicliffe, V. (1997). Hydrothermal vents in the deep sea: Life without sunlight. Scientific American.
Cavanaugh, C. M. (1983). Symbiotic chemoautotrophic bacteria in marine invertebrates from sulfide-rich habitats. Nature, 302(5903), 58–61.
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