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Die Vierteilung: Zerrissen von Pferden – Europas grausamste Hinrichtung

  • Autorenbild: Marie Laveau
    Marie Laveau
  • 5. Juni 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Mai


Es ist eine seltsame Erfahrung, wenn man beim Lesen alter Gerichtsurteile das Gefühl bekommt, ein Spiegel werde einem vorgehalten – nicht einer der zeigt, wer wir heute sind, sondern wer wir einmal waren. Vielleicht ist es der menschliche Drang nach Ordnung, vielleicht auch nur tiefsitzende Angst, die uns in der Geschichte zu den barbarischsten Formen der „Gerechtigkeit“ geführt hat.


Was mich an der Vierteilung nicht nur schockiert, sondern verstört hat, war weniger der Akt selbst – so grauenvoll er auch ist –, sondern die Choreographie drumherum. Die Planung. Die Rechtfertigung. Die Einbindung der Gemeinschaft. Dass man Pferde auswählte, nicht nur als Werkzeuge, sondern als verlängerte Arme der Gerechtigkeit. Dass man Körperteile wie Trophäen verteilte.


Es ist leicht, aus heutiger Sicht zu urteilen. Doch was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn Schmerz nicht nur in Kauf genommen, sondern inszeniert wird? Was sagt es über uns, wenn wir zurückblicken – nicht nur mit Ekel, sondern auch mit einer Art stummer Faszination?


Die Vierteilung ist Geschichte. Aber sie erzählt uns viel über die Logik von Macht, über Angst als politisches Werkzeug – und über die dunklen Seiten der menschlichen Vorstellungskraft.


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Was war die Vierteilung?


Die Vierteilung war eine Hinrichtungsmethode, die im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa bei besonders schweren Verbrechen Anwendung fand – typischerweise bei Hochverrat, also dem Versuch, die herrschende Ordnung oder den Monarchen zu stürzen.


Die Methode war einfach, aber entsetzlich:


  • Die Gliedmaßen des Verurteilten – Arme und Beine – wurden an Seile gebunden.


  • Diese Seile wurden an vier Pferde befestigt, die in entgegengesetzte Richtungen getrieben wurden.


  • Ziel war es, den Körper des Delinquenten physisch zu zerreißen.


In manchen Fällen geschah dies schnell, in anderen zogen die Pferde minutenlang, bevor Sehnen, Gelenke und schließlich Knochen nachgaben.


Ursprung und Entwicklung


Die Vierteilung ist in verschiedenen Kulturen dokumentiert, fand aber besonders in Frankreich, England und Deutschland Anwendung.


  • In Frankreich wurde sie als écartèlement bezeichnet.


  • In England hieß sie hanged, drawn and quartered – ein besonders grausamer Dreiklang: Hängen (aber nicht bis zum Tod), Ausweiden und dann Vierteilen.


  • In Deutschland war sie als Vierteilung oder Viertheilen bekannt, oft verbunden mit Zurschaustellung der Körperteile.


Sie war ein Werkzeug der Macht – zur Abschreckung und öffentlichen Machtdemonstration. Der Riss durch den Körper war ein symbolischer Riss durch den gesellschaftlichen Vertrag: Wer die Ordnung sprengt, wird selbst gesprengt.


Dokumentierte Fälle


Wilhelm Wallace (1305)


Der schottische Freiheitskämpfer wurde in London wegen Hochverrats hingerichtet. Sein Schicksal ist eines der bekanntesten Beispiele der englischen Vierteilung. Nach dem Hängen (nicht bis zum Tod) wurde er bei lebendigem Leib ausgeweidet, enthauptet und dann gevierteilt. Die Körperteile wurden in verschiedenen Städten Englands ausgestellt – zur Abschreckung.


François Ravaillac (1610)


Er ermordete den französischen König Heinrich IV. und wurde dafür öffentlich gevierteilt – allerdings nach stundenlanger Folter. Zeitzeugen berichten, dass es den Henkern Mühe machte, seinen Körper tatsächlich zu zerreißen. Sie mussten schließlich Messer zur Hilfe nehmen, um Sehnen und Muskeln zu durchtrennen.


Georgi Rákóczi (18. Jh.)


In Ungarn wurde der politische Aufständische nicht nur gevierteilt, sondern seine Leichenteile wurden an die Stadtmauern genagelt – eine Praxis, die in Mitteleuropa üblich war, um die Strafe über den Tod hinaus „wirksam“ zu halten.


Die Anatomie des Zerreißens


Die physische Seite der Vierteilung ist erschütternd. Aus heutiger Sicht wissen wir durch die forensische Pathologie, was dabei geschieht:



  1. Sehnen reißen, meist nach wenigen Sekunden.


  2. Gelenke luxieren (ausrenken), insbesondere an den Schultern und Hüften.


  3. Erst dann – oft nach Minuten des Ziehens – reißen Muskeln, Blutgefäße und schließlich Knochen.








In der Regel starb das Opfer durch exsanguination – also Verbluten –, wobei in vielen Fällen vorher bereits Ohnmacht oder Tod durch Schock eintrat. Die Schmerzintensität, so Experten wie Dr. John E. Douglas (Forensische Psychologie), muss unvorstellbar gewesen sein – vergleichbar nur mit schwersten Verstümmelungen im Krieg.


Die Symbolik der Strafe


Die Vierteilung war keine einfache Tötung. Sie war eine politische Kommunikation. Jeder Schritt hatte eine Bedeutung:


  • Hängen: Du bist vom Leben verstoßen.


  • Ausweiden: Dein Inneres – deine Absichten – sind verdorben.


  • Vierteilen: Du wirst nicht nur bestraft, sondern in deine Bestandteile zerlegt. Dein Leib verliert seine Einheit, wie deine Tat die Einheit der Gesellschaft bedrohte.


Oft wurden die Körperteile an Stadttoren oder Mauern ausgestellt – ein makabres System zur Erinnerung an die Staatsmacht.


Gesellschaftlicher Kontext


Die grausamen Hinrichtungen dienten in einer Zeit ohne Massenmedien als öffentliche Spektakel:


  • Tausende versammelten sich zu solchen Ereignissen.


  • Verkaufsstände boten Essen, religiöse Schriften oder Flugblätter an.


  • Prediger deuteten die Strafe als göttliches Urteil.


Es war ein Theater des Todes, das die Zuschauer lehren sollte: Dies geschieht jenen, die sich über den König, über Gott oder die Ordnung stellen.


Der französische Philosoph Michel Foucault beschreibt in Überwachen und Strafen (1975) solche Hinrichtungen als „Riten der Souveränität“ – Momente, in denen der Staat seine ultimative Macht demonstriert.


Der Anfang vom Ende


Ab dem späten 17. Jahrhundert begann ein Wandel im Denken:


  • Die Aufklärung forderte verhältnismäßige, rationale Strafen.


  • Humanisten wie Beccaria und Voltaire verurteilten öffentlich grausame Hinrichtungen.


  • Die letzte Vierteilung in Frankreich fand 1757 statt – nach der Hinrichtung von Robert-François Damiens, der Ludwig XV. verletzen wollte. Die Berichte über seine Folterung entsetzten selbst konservative Kreise.


In den folgenden Jahrzehnten wurden solche Strafen durch schnellere Tötungsmethoden ersetzt – wie die Guillotine oder das Fallbeil. In Deutschland wurde die Vierteilung offiziell im 19. Jahrhundert abgeschafft.


Ein Nachhall in der Gegenwart?


Auch wenn die Vierteilung heute Geschichte ist, lebt ihr Gedanke der totalen Bestrafung in anderer Form weiter:


  • In manchen Staaten werden Körper hingerichteter „Verräter“ nach wie vor verstümmelt oder nicht an Familien übergeben.


  • Die Idee, dass ein Mensch durch Zerstörung seiner physischen Integrität erniedrigt werden kann, existiert in modernen Folterpraktiken.


Es ist Aufgabe der modernen Rechtsstaatlichkeit, sich solcher historischen Abgründe zu erinnern – nicht aus Sensationslust, sondern als Warnung.


Geteilt bis zum letzten Atemzug


Die Vierteilung war nicht einfach eine Hinrichtung – sie war eine Zerreißung der menschlichen Würde, des Körpers, der Identität. Eine Welt, in der solche Strafen existierten, war auch eine Welt der Angst, der Kontrolle und der öffentlichen Demütigung.


Und doch lehrt uns dieser Blick in die Vergangenheit auch etwas Wichtiges: Wie weit wir als Gesellschaft gekommen sind – und wie wachsam wir sein müssen, um nie wieder dorthin zurückzukehren.


Quellen:


  • Foucault, Michel (1975). Überwachen und Strafen. Suhrkamp Verlag.

  • Beccaria, Cesare (1764). Von Verbrechen und Strafen.

  • Parker, Geoffrey (1996). The Military Revolution. Cambridge University Press.

  • Linebaugh, Peter (2003). The London Hanged: Crime and Civil Society in the Eighteenth Century. Verso.

  • Douglas, John E. & Olshaker, Mark (1999). The Anatomy of Motive. Pocket Books.

  • Gatrell, V.A.C. (1994). The Hanging Tree: Execution and the English People. Oxford University Press.


 
 
 

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